Über Motivation, Demotivation … und das Unwort des Klettersports

Samstag, 14 Uhr, irgendwo im Frankenjura:

Eine schöne Route 4+/5-, drei Bohrhaken, dann der Umlenker, ca. 16 Meter hoch. Es ist angenehm warm mit 23 Grad, die Sonne funkelt in all ihrer Pracht hoch auf dem strahlend blauen Himmel und wirft ein herrliches Schattenspiel durch die Blätter des Waldes. Tja, eigentlich perfektes Kletterwetter… aber es wird so ablaufen, wie in 80% der Fälle. Hilft nix, ich muss ja. Man wird eh schon kritisch von den anderen Kletterern beäugt, wenn man sich eine vermeintlich leichte Route für den Vorstieg aussucht. Die schiere Panik am Einstieg lässt sich nur noch mit der wenigen, an diesem Tag übrigen Willenskraft und Atemübungen niederkämpfen und mit einem stark mulmigen Gefühl binde ich mich ein. Mein Schatz am anderen Ende des Seils vermittelt mir zumindest die Sicherheit, die ich brauche um meine chalkbenetzten Hände an den warmen und glatt gekletterten Fels zu legen. Die Route ist nicht schwer, logisch und schön im Verlauf. Bis zum zweiten Bohrhaken geht soweit alles gut. Zweiter Haken geklippt und weiter. Einige Meter über dem zweiten Haken dann das altbekannte Problem, ich finde plötzlich keinen, in meinem Augen sinnvollen Griff und… das mulmige Gefühl steigert sich zu reiner Panik. Das ganze passiert circa 7 Meter über dem Boden und damit 2 Meter über dem letzten Bohrhaken. Aber zum Nächsten sind es noch 3 oder 4 Züge, oder auch vielleicht mehr, keine Ahnung. Die Entfernung dorthin nimmt mit jeder Minute zu. Meine Finger suchen panisch am Fels einen Griff, damit ich weiterklettern kann. Aber irgendwie ist da keiner… da waren doch vorhin noch welche. Das Gefühl steigert sich ins Unermessliche, wird mit jeder Sekunde schlimmer. Das Problem am Frankenjura ist, dass man in den leichten und mittleren Routen kein Sturzgelände unter sich hat. Auch beginnt in meinem Kopf die Rechnung, in der ich grob die Seildehnung, den Abstand zum letzten Bohrhaken sowie zum Boden überschlage und so meine Falltiefe abschätze. Das wäre in diesem Fall wahrscheinlich ein Grounder… Mist! Panisch blicke ich nach oben, meine Hände ertasten immer noch keinen Griff. Von unten ruft mein Schatz, ich solle doch erstmal tief durchatmen und wenn es nicht geht, ist das vollkommen okay. Also, atme ich tief durch und konzentriere mich auf die Atmung. Nach gefühlten 10 Minuten wird der Herzschlag ein bisschen langsamer und die Panik lässt nach. Der Blick nach oben bringt mich aber nicht weiter und ich schaffe es zumindest die 2 Meter bis zum Bohrhaken abzuklettern und werde dort mit verständnisvollen Worten von meinen Schatz abgelassen. Wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, betrachte ich nochmal die Stelle, an der ich gerade noch meine Panikattacke hatte, und erblickte Griffe und Tritte soweit das Auge reicht. Augenblicklich schäme ich abgrundtief und bin gleichzeitig auf mich selbst wütend. Demotivation macht sich breit und ich stelle mir die Frage, was das Ganze hier denn überhaupt soll. Mein Schatz ist verständnisvoll und findet das nicht schlimm. Schließlich hatte ich ja die vergangene Nacht Dienst.

Die Nacht zuvor

Dienst, das heißt in meinem Fall 20 Stunden über Nacht arbeiten, davon kann man normalerweise nur maximal 3-4 Stunden schlafen und selbst diese werden immer wieder unterbrochen, weil das Telefon klingelt, irgendwer eine Frage hat oder man doch richtig gebraucht wird. Dann kommt man um 10 Uhr nach Hause, frühstückt schnell und legt sich bis 12.30Uhr nochmal kurz schlafen um sich um 13 Uhr auf dem Weg zum Klettern zu machen. Schließlich steht man kurz vor 14 Uhr total müde, abgekämpft und psychisch lädiert am Fels. So läuft es an 60-80% meiner Klettertage ab.

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Sportklettern im Frankenjura.
Wenn man an solchen Tagen Bedenken bezüglich des Vorstiegs äußert oder schon oben beschriebene Situation eingetreten ist, kommt irgendein Begleiter oder ein zufällig daneben stehender Kletterer und meint einen mit seiner Weisheit belehren zu müssen. In den meisten Fällen wird einem mitgeteilt, dass man doch Sturztraining machen solle, dann wird das auch besser und man hat keine Probleme mehr mit dem Vorstieg. Anfänglich versuchte ich noch demjenigen mein Problem zu erklären, leider stößt man auf Unverständnis, denn man müsse doch nur Sturztraining machen, dann würde doch alles funktionieren. Die Gegenüber versucht einen penetrant davon zu überzeugen. Mittlerweile lasse ich diese Personen einfach unkommentiert stehen oder frage sie, was sie das denn überhaupt anginge. Zusätzlich hat sich aber dadurch eine Abneigung entwickelt, mit fremden Menschen klettern zu gehen oder mich von Personen, die ich das erste Mal sehe, überhaupt sichern zu lassen. So entstand für mich das Unwort.

Das Unwort des Klettersports

Sturztraining. Sturztraining habe ich schon oft gemacht, es bringt nur leider nichts gegen die Panikattacken. Die Attacken haben ja schließlich eine ganz andere Ursache, welche man mit Sturztraining nicht lösen kann. Es nimmt einen die Angst davor sich ins Seil fallen zu lassen und man weiß, was zu tun ist, wenn man aus anderer Ursache stürzt. Aber die Panikattacken, welche einfach aus mentaler Schwäche resultierend aus Schlafmangel und Überarbeitung entstehen, kann das Sturztraining nicht lindern. Selbst Alexander Huber (Die Angst. Dein bester Freund) oder Arno Ilgner (Rock Warrior)  thematisieren die mentale Stärke und das entsprechende Training in ihren Büchern. Die Beiden beschreiben auch ebensolche Situationen. Es gibt mittlerweile sogar kommerzielle Angebote des mentalen Trainings für Kletterer.

Die Liebe zum Sport

Versteht mich nicht falsch, ich liebe das Klettern mit all seinen Spielarten. Es ist für mein toller Ausgleich zum stressigen Alltag. Die körperliche und auch geistige Herausforderung ist einfach super. Das Gefühl abgekämpft oben anzukommen und alles gegeben zu haben, ist einfach unbeschreiblich. Selbst der Muskelkater am nächsten Tag kann mir die Freude nicht nehmen. Dennoch habe ich jetzt keinen Anspruch an mich, den 8. oder 9. Schwierigkeitsgrad (UIAA) zu klettern. Dafür fehlt mir einfach die Zeit zum Training und jenseits der 30 Jahre geht das auch nicht mehr so einfach. Ich genieße lieber das Training und vor allem in den Alpen in den Mehrseillängentouren die Aussicht und auch die schöne lange Kletterei. Einfach auf die Sache konzentrieren und die Welt um einen herum vergessen… wirklich schön.

Somit schließe ich mit dem Buchuntertitel von Arno Ilgner:

Der stärkste Muskel ist der Kopf.

 

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Traunstein Südwest-Grat

 

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